20111127

Hunger

Hier können wir sein, wer wir sein wollen, oder nicht?
Egal, wessen Blog ich lese, ich sehe ein zartes Elflein vor mir.
Sogar mich selbst sehe ich als zartes Elflein, wenn ich hier schreibe.

Hunger ist so schön.

Und so trügerisch.
Essen ist wie Glasscherben den Hals hinunter zwängen.
Zarte Topfenknödel... Nägel.

Saftiges Fleisch... Klingen.
Vor Soße triefende Nudeln... Scherben.
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Der Hunger ersetzt die Scherben, Nägel und Klingen.
Wenn ich Essen im Magen habe, bilde ich mir ein, es würde mich verfälschen, verzerren.
Als wäre ich nicht ich selbst.
Ich fühle mich nie authentischer, als wenn ich vor Hunger fast umkomme.
Unverfälscht und klar.
Und hungrig.
Verdammt hungrig.

Ich wüsste nicht, wer ich wäre, wenn ich meine Essstörung nicht hätte.
Sie ist ein Segen und Fluch zugleich.
Ein Segen?! Niemals! - schreit die Stimme der Vernunft, aber sie ist zu zart und zu leise, als dass ich sie hören könnte.
Sie wahrnehmen könnte.
Sie wahrnehmen wollte.

Dank der Esstörung kann ich kilometerweit laufen, in hohem Tempo.
Wenn's drauf ankommt kann ich unglaublich diszipliniert sein.
Ich habe ein Bild von Vollkommenheit, das sich für die Personen, mit denen ich mich unterhalte, ändert.
Ich bin der Liebling der Eltern meiner Freunde.
Ich kann binnen Sekunden sagen, was sie für gut und schlecht halten.
Und ich kann mich binnen Sekunden zu dem machen, was sie sehen wollen.
Ein stilles Mäuschen.
Eine intelligente Einserschülerin.
Ein kritischer Rebell.

Am Ende heißt es immer, ausnahmslos;
"Also diese Robyn! Du solltest sie öfter einladen, sie ist genau die Sorte Mädchen, mit dem wir dich am liebsten sehen!"
Und das dank meiner Essstörung.
Hätte ich sie nicht, käme ich nie auf die Idee zu analysieren.
Mich zu verbiegen.
Niemals.
Keiner meiner gesunden Bekannten käme es je in den Sinn, sich so zu verrenken wie ich.
Und doch fasziniert es sie und sie fragen immer und immer wieder; "Wie machst du das? Das ist ja der wahnsinn, meine Eltern haben sonst immer etwas an meinen Freunden auszusetzten... Bei dir sagen sie aber, du bist perfekt."
Darauf habe ich keine Antwort.

Noch ein Vorteil des Selbst-Verbiegens ist;
Ich kann sie alle haben, wenn ich viel Zeit in das "Projekt" investiere.
Beobachten.
Analysieren.
Nachdenken.
Handeln.
Die richtigen Interessen und Gesprächsthemen wählen.
Ein schüchternes Lächeln oder eine zweideutige Bemerkung.
Ein Vorsichtiger Blick hinter einer Haarsträhne.
Oder ein kurzer Biss auf die Unterlippe.
Fertig.


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Gleichzeitig weiß ich genau, dass sie ein Fluch ist.
Ich frage mich selbst, was ich mir bloß dabei denke, manchmal das Gefühl zu haben, sie sei ein Segen.
Bist du bescheuert?
Willst du sie nicht loswerden?

Ich glaube nicht.
Noch nicht.
Später ganz sicher.
Aber noch nicht.

Noch bin ich nicht dort, wo ich gerne wäre.
Noch bin ich nicht am Ziel.

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