20120119

Friede

Ich finde langsam einen Zugang zu mir selbst. Dadurch, dass ich in letzter Zeit so viele emotionale Schwankungen hatte, ist mir klar geworden, dass allein die Tatsache, dass ich es zugelassen habe, dass mitten in der Deutschstunde heiße Tränen über meine Wangen laufen, zeigt, dass ich meine Gefühle zulasse. Dass ich letztendlich mich zulasse.
Ich sehe all die Narben, überall auf meinem Körper. Sie sind nicht offensichtlich, aber jemand, der sich auskennt, weiß, dass das nicht die Spuren eines Sturzes in einen Dornbusch sind. 
Das sind die Zeichen der Selbstunterdrückung. 
Weil ich stark sein wollte, um nicht loszuweinen, grub ich die Fingernägel in die Unterarme. Tief in die Unterarme. 
Weil ich den Schmerz und den paradoxen Hass, den mir Menschen verursachten, die ich eigentlich liebte, verursachten, aus mir verbannen wollte, schnitt ich mir in die Haut, tiefer, fester.
Ich bewunderte den roten Fluss, den Strom, der aus meinem Körper in das unschuldig weiße Waschbecken floss. Ich ließ mich gehen, vegetierte vor mich hin, während ich dem Blut zusah, wie es aus meiner Haut trat. Und es faszinierte mich. Es half mir, mein Inneres zu ordnen, indem die Faszination den Schmerz und die Wut, den Hass und die Trauer verdrängte. Ich fühlte mich stark, so stark. Ich siegte über das Schlechte in mir, ich hatte das Schwache ausgemerzt und zurück blieb nur noch eine starke, erwachsene, reife, erfahrene Frau.  


Bullshit! 
Was zurückblieb, war ein Häufchen Elend, ein zerstörtes Mädchen, das all die Gefühle geschluckt hat und sich somit mehr und mehr in eine tickende Zeitbombe verwandelte. 


Ich sage nicht, dass ich jetzt sehr viel besser bin. Ich ramme immer noch die Nägel in den Unterarm, um nicht wegen absolut banalen Dingen weinen zu müssen. Aber das ist in Ordnung. 
Heute, als mir mitgeteilt wurde, dass meine Prüfung verschoben wird, rannte ich zum Lehrerzimmer um sicher zu gehen, dass die Behauptung stimmt. Und sie hat gestimmt. Ich spürte, wie sich der kleine Knoten in meinem Hals bildete, der Atem stockte und der Blick sich trübte. Ich verschwand in einen Korridor, lehnte mich gegen eine Wand und ließ mich auf den Boden sinken. Tränen strömten über mein Gesicht, ohne Grund, eigentlich. 
Aber ich habe es zugelassen.
Und als ich, sozusagen, fertig war, atmete ich durch, lächelte und ging in meine Klasse. 


Ich möchte leben. 
Ich möchte alle Aspekte des Lebens in vollen Zügen genießen. 
Ich möchte Schmerz genauso genießen, wie Glück, denn... Wüssten wir, was Glück ist, wenn es keinen Schmerz gäbe? 
Ich möchte erschöpft sein, traurig sein, ich möchte Aufregung verspüren, ich möchte schlotternde Knie haben, ich möchte Angst haben und nervös sein, lampenfieber haben.
Nichts ist herrlicher als lampenfieber! 
Ich habe immer versucht, mir nicht anmerken zu lassen, dass ich vor einer Aufführung aufgeregt bin. Ich wollte immer als junge, tapfere Frau gesehen werden, die jede noch so große Rolle gelassen meistert.
Aber es ist so viel schöner, hinter der Bühne mit den anderen Schauspielern durchzudrehen, zu lachen, zu kreischen, zu zittern, gemeinsam nochmal die Texte durchzugehen. 
Ich muss nicht cool bleiben - ich kann es, wenn es sich gerade so ergibt, aber ich muss es nicht. 
Was zählt, ist ja was ich auf der Bühne mache. 
Und auf der Bühne ist alles erlaubt.
















Es ist schön, mich anzunehmen. 
Und mit mich meine ich noch ausschließlich mein Innenleben, nicht mein Äußeres. Dafür brauche ich Zeit.


Ich hoffe bloß, das ist keine Täuschung.
Ich hoffe, ich schlittere nicht wieder in ein masochistisches Verhalten.


Love,
R.



Kommentare: