20120221

Ironie des Schicksals

Ich stehe in der vollgestopften U-Bahn, die Hand fest um meine Sporttasche geklammert, damit sie mir ja niemand klaut. Menschen drängen, ich spüre die warmen Körper um mich, ich berühre immer wieder unabsichtlich ihre Wollwesten und die glatten Wintermäntel.
Es ist widerlich.
Schnell zum Fitness Center, Monatsbeitrag zahlen und ab nach Hause. Sport habe ich heute schon in der Schule gemacht.
Die U-Bahn hält in einer Station und fährt nicht weiter.
"Sehr geehrte Fahrgäste, aufgrund einer Betriebsstörung... Blablabla, wir bitten um Ihr Verständnis." Scheiße.
Ich steige aus, bin verärgert. Sonst fährt kaum ein Verkehrsmittel zu meinem Fitness Center! 
Schnell in der Masse versinken, zur nächsten Bus Haltestelle gehen und über die Köpfe hinweg einen Blick auf die Fahrpläne erhaschen. 
Auffällig viele Menschen hier. Und was soll das Verkehrschaos? Wozu die ganzen Einsatzkräfte?
"Wo wollen Sie hin?" Die Frau neben mir lächelt mich an. Ich nenne ihr die Haltestelle, die ich brauche.
"Uh, das wird schwierig. Tja, jetzt sind wir wohl gestrandet..." 
Mein Handy läutet.
"Robyn! Robyn, wo bist du?" Meine Mutter. Sie ist außer sich. Ich sage ihr, wo ich bin.
"Um Gottes Willen, was machst du da?! Geh weg, lauf, bitte, komm nach Hause, schnell!" 
"Mama, ich wollte nur was einzahlen, beruhig dich doch, okay?" 
"Nein, Robyn, komm nach Hause, undzwar sofort! Irgendetwas Giftiges ist ausgetreten, genau dort, wo du bist! Ich weiß nicht was es ist, aber im Fernsehen wurde gesagt, wir sollen die Häuser nicht verlassen, um Himmels Willen, bitte komm sofort nach Hause!
Mein Herz beginnt zu rasen.
Etwas Giftiges? 
Doch nicht etwa aus dem Studienkraftwerk? Das ist ein Atomkraftwerk...
"Wie soll ich nach Hause kommen, die U-Bahnen fahren nicht und von hier fährt kein Bus zu uns, Mama hol mich ab, bitte!" 
"Dein Vater hat das Auto, ruf ihn an, aber bitte verschwinde einfach von dort, lauf!
"Wo ist das passiert, Mama, wohin soll ich laufen?!
Ich torkle verzweifelt durch die Mengen, halte meinen Schal vor den Mund, Tränen steigen mir in die Augen. Bitte, lass es nicht das Kraftwerk sein, das ist nur wenige hundert Meter von mir entfernt, bitte nicht...
Ich habe eine Route im Kopf, weiß, wie ich jetzt nach Hause komme und gehe hastig los, schubse Leute aus dem Weg, höre immer wieder beunruhigende Worte von vorbeilaufenden Menschen. Langsam aber sicher bricht Chaos auf den Straßen aus, alle rennen kreuz und quer, keiner beachtet den anderen.
Ein Polizeiauto fährt vorbei. "Bitte, bewahren Sie Ruhe und bleiben Sie in Ihren Wohnungen oder suchen Sie geschlossene Räume auf.
Wie in einem Katastrophen-Film. 
Viele Menschen strömen teilweise verzweifelt, manche sogar noch amüsiert in verschiedene Bars und Restaurants. 
Soll ich auch...? Ein geschlossener Raum? Aber wenn es das Atomkraftwerk ist, ist es egal, Strahlung macht vor einer Wand nicht halt. 
Ich laufe weiter, bin außer Atem. 
Zu viel Blaulicht, zu viele Sirenen, zu viel Chaos, sogar ein verdammter Katastrophenzug wurde mobilisiert.
Keuchend rufe ich meinen Vater an. "Hol mich bitte ab, bring mich weg von hier!
Er beschimpft mich erstmal, was ich dort überhaupt mache, sagt mir dann, ich soll mit der U-Bahn fahren. 
Ich lege auf und laufe verzweifelt, den Schal vor Mund und Nase gepresst, Richtung Straßenbahnstation. 
Bei der Station pressen sich die Massen nur so in die Straßenbahn hinein, der Bezirk, aus dem sie kommt, scheint ausgestorben zu sein. Beunruhigend. 
Ich kriege ein paar Gesprächsfetzen mit, es ist nicht das Studienkraftwerk. 
Eine Frau telefoniert direkt neben mir. 
"Naja, ich weiß nicht, ich dachte, du kannst mich mit dem Auto abholen. Weil die U-Bahnen fahren ja nicht, irgendein Gas ist bei einer Fabrik ausgetreten oder so... Ich weiß auch nicht, irgendwas mit Ammoniak oder so." 
Ich komme langsam etwas zur Ruhe. 
Schnell nach Hause, meine Mutter ist heilfroh, mich daheim zu haben. Ich bin natürlich auch nicht minder froh, zu Hause zu sein. 
In den Nachrichten höre ich dann, dass hochgiftiges Ammoniak in großen Mengen aus einer Kühlfirma ausgetreten ist. Die Situation sei "kritisch"


Mittlerweile wurde das Leck geschlossen, es gibt Entwarnung.


Hat mir trotzdem einen turbulenten Abend beschert, verdammt nochmal. Ich bin immer noch etwas zittrig.
Es kann so schnell etwas passieren.






(Ich hoffe sehr, dass ich bald wieder ins Fitness Center kann... Es ist in unmittelbarer Nähe der Unfallstelle aber ich müsste schon noch den Monatsbeitrag zahlen :'D Und trainieren, nur so nebenbei...!) 


Ich fände es unangebracht, jetzt etwas über mein Gewicht zu posten, also werde ich das morgen tun. (Entschuldigt, dass ich so selten poste, aber ich habe so viel um die Ohren! Am Wochenende kommt dann wieder etwas Ausführlicheres!) 


Oh, und danke für eure süßen Kommentare! Besonders die von Anouk und Wohaipa. Ihr habt mir einen richtigen Freudenschauer über den Rücken gejagt, ich bin euch sehr, sehr dankbar und freue mich, dass ihr so großen Gefallen an meinem Blog findet! 
Danke! :D 




Love,
R. 

Kommentare:

  1. Taistelu Onnesta - Ein Ort für Essgestörte

    Es ist ein warmer Wind, der hier weht. Er weht sanft durch meine Haare und schmiegt sich an meine Wange, wie Seide, während er mir Geschichten erzählt von fernen Ländern und Welten, die ich mit eigenen Augen noch nicht gesehen habe, aber in denen ich mich heimisch fühle. Ich atme Gerüche ein. Süße, wie Kokos und Vanille, aber auch fruchtige, die mich an Erdbeeren und Pfirsiche erinnern.

    Er erzählt mir, was er alles schon erlebt hat, wo er schon überall war. Es sind Erzählungen von Stärke und Mut, aber auch von Verlust und Schmerz. Auch ich flüstere von Zeit zu Zeit, was in meinem Kopf vorgeht und lasse all die Emotionen hinaus, die ich sonst in einer staubigen Truhe versteckt halte. Verständnis ist was ich als Antwort bekomme, und es ist alles was ich brauche, und mehr als das.

    Jeden Tag aufs Neue lerne ich neue Orte und Schicksale kennen, die ein Teil von mir selbst werden, mich bilden und inspirieren. Auch ich setze Energie frei und der Wind trägt sie fort, um vielleicht irgendwo jemand anderem von Nutzen sein zu können. Somit kreieren wir gemeinsam einen neuen großen Lebensraum, in dem es keine Grenzen gibt, wo nur Toleranz und Liebe herrschen. Es ist ein Ort wo man sich selbst verwirklichen kann, ohne sich auf dem Weg dorthin zu verlieren, denn es gibt diese wunderbaren Seelen, die einen aufwecken, festhalten und unterstützen, bei den großen Träumen genauso wie bei den kleinen Schritten, die man bis dorthin gehen muss.
    Because home is where your heart is.

    http://Taistelu-Onnesta.de

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    1. Den Text kenn ich doch von irgendwoher...

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  2. oh wow, bei dir hier klingt das richtig dramatisch ;) ich habs gestern nur in den nachrichten gehört, der bezirk ist ja doch ein wenig von mir entfernt und die freundin, die dort in der gegend wohnt, hat sich auch nicht beschwert, also dachte ich, so schlimm wirds nicht gewesen sein... aber hier klingt das krass ;) immerhin, nichts passiert, ein abenteuer zum erzählen und ich glaub... das ist doch eh sicher schon weg, das zeug. weil sonst würden sie ja gebiete evakuieren/sperren, wenn es so schlimm wär ;) von dem studienkraftwerk hab ich noch gar nix gehört... ich werd mal googeln gehen. (ich dachte wir sind hier atomkraftwerksfrei?) - ah und bitte, gern geschehen :)

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    1. Ja, das Schlimmste war ja, dass die meisten Menschen auf der Straße keine Ahnung hatten, was eigentlich passiert ist... Deshalb sind sie auch ausgerastet. Ich auch :P
      Das Kraftwerk ist, soweit ich weiß, nur für Studienzwecke oder so... Es steht in der Nähe der Praterallee.

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  3. Sehe jetzt erst gerade hier, dass du mich erwähnt hast! :)
    Ich musste grad ziemlich lächeln, weil mich das so gefreut hat!

    Und ich kann auch nur sagen: Ich hatte richtig Herzklopfen, als ich das gelesen hab. liegt aber wahrscheinlich hauptsächlich an deinem guten Schreibstiel ;)

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