20121123

Gedruckte Lippen

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Ich habe das Reden verlernt.
Alles, was in mir vorgeht, wird von meinen Lippen aufgehalten. Der Strom, der sonst so gerne geflossen ist, staut sich auf.
Meine Lippen sind zugenäht.
Ich bin eine funktionierende Maschine. Mehr oder weniger.
Ein Mädchen aus meiner Klasse hat Depressionen. Sie wird behandelt. Es wird ihr verziehen, wenn sie nicht zu Schularbeiten kommt. Sie darf sogar die Matura später machen.
Und was ist mit uns? Dem Rest?
Nur weil wir nicht demonstrativ leiden (können) müssen wir die grausam banalen Foltern des Alltags ertragen.
Ich muss in der Früh aufstehen.
Ich muss lächeln.
Ich muss mir die Farbe ins Gesicht schmieren, damit der Schlafmangel und die Tränen nicht offensichtlich sind.
Ich muss weitermachen, aufstehen, über Witze lachen.
Ich muss vorgeben, mir ginge es gut, auch wenn ich dafür lügen und mich überwinden muss.
Was unterscheidet sie von mir? Wieso kriegt sie eine Sonderbehandlung?
Ich beneide sie nicht. Aber ich verstehe nicht.
Ich kenne ihre Familie. Ich kenne ihre Probleme. Vielleicht nicht so gut wie sie selbst aber ich weiß ungefähr, was los ist.
Sie ist sensibel.
Aber das bin ich auch!
Mein dünnes Eis könnte jeden Moment brechen und das eiskalte Wasser könnte mich verschlucken.
Was mache ich anders?
Warum sitze ich nicht täglich mein Inneres nach Außen gestülpt im Klassenraum?
Warum präsentiere ich der Welt nicht mein miserables Befinden auf einem silbernen Teller?
Warum bin ich so gut darin, die Menschen hinter's Licht zu führen?

"Nein, ich habe keinen Hunger."
"Ich bin so satt!"
"Ich bin nur müde."
"Ich hab gestern ehrlich gesagt auch ein bisschen was getrunken, du weißt schon!"
"Ich hab Bauchweh."
"Ich trainiere gar nicht so oft!"
"Ich will nicht mehr abnehmen, keine Sorge!"
"Mir geht es gut, keine Sorge!"

Wieso kann ich das?
Gewohnheit?
Oder bin ich... stärker?

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Es tut mir leid.
Ich weiß, ich bin nicht gut genug.
Es tut mir leid. 

R.

Kommentare:

  1. Ich könnte momentan jedes einzelne deiner Worte unterschreiben. Bloß mache ich mir nicht mehr wirklich die Mühe, die durchzechten Nächte unter Make-up verschwinden zu lassen. Mich fragt schon gar keiner mehr, warum ich so fertig aussehe.

    Es stimmt, es wäre so einfach, aufzugeben und alle Lügen auffliegen zu lassen, die Verantwortung abzugeben. Aber dann, wo bleibt die Stärke, die man doch immer allen präsentiert hat? Die eigene Verantwortung? Und kann man es nicht doch allein schaffen?

    Ich wünsche Dir ganz viel Kraft. Vergiss nicht, Du bist zauberhaft, Robin und es würde mich sehr freuen, mal wieder etwas von dir zu hören :)

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  2. Ich verstehe dich, manchmal frage ich mich ob man erst einen Selbstmordversuch überleben muss damit die Leute sehen, dass es einem nicht gut geht.
    Und mit dem Make-Up gehts mir genauso und ich frage mich, wieso ich diese Maske eigentlich noch aufrecht erhalte.

    Und du bist gut und toll wie du bist,
    Gaaaaaaanz dicke Umarmung, Lea <3

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